Navigation

13 Die Schliessung von Hausarztpraxen kann zu regionaler Unterversorgung führen

 

Als Folge der Schliessung von Hausarztpraxen entfallen 12 Prozent der Konsultationen. Diese werden nur zu einem Viertel bis zur Hälfte durch eine Behandlung beim Spezialisten oder im Spital ersetzt. Dadurch steigen die Kosten pro Konsultation um fünf Prozent; in der Summe bleiben sie jedoch gleich.

Porträt / Projektbeschrieb (abgeschlossenes Forschungsprojekt)

Das Projekt verwendete einen Datensatz mit über 200’000 Patienten/-innen, die in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Die erste Gruppe umfasste Patienten/-innen, die in den letzten zehn Jahren von einer Schliessung ihrer Hausarztpraxis betroffen waren. Die zweite Gruppe beinhaltete vergleichbare Patienten/-innen ohne Praxisschliessung im besagten Zeitraum. Für beide Gruppen wurden die Anzahl Besuche in Hausarztpraxen, bei Spezialisten und in Spitalambulatorien, die Hospitalisierungsraten, die Gesundheitsausgaben sowie die Mortalitätsraten über die Zeit erhoben. Durch den Vergleich der Datenreihen in den beiden Gruppen und statistischen Analysen wurde der Einfluss der Praxisschliessungen auf die Inanspruchnahme von Leistungen, die Kosten und die Gesundheit der Patienten/-innen abgeschätzt.

Hintergrund / Ausgangslage

Die Literatur zeigt, dass eine stabile Arzt-Patienten-Beziehung in der Grundversorgung wichtig ist für die Gesundheit der Patienten/-innen. Da in den nächsten Jahren ein Grossteil der heute praktizierenden Hausärzte/-innen das Pensionsalter erreicht, steht die Kontinuität der Grundversorgung vor bedeutenden Herausforderungen. Insbesondere in ländlichen Gebieten lassen sich selten Nachfolger finden, was zur Schliessung von Praxen führt.

Ziele

Ziel der Studie war zu untersuchen, wie sich die Schliessung von Hausarztpraxen auf die Inanspruchnahme von Leistungen, auf die Kosten und auf die Gesundheit der Patienten/-innen auswirkt und welche Patientengruppen und Regionen besonders betroffen sind.

Resultate

Die Schliessung von Hausarztpraxen führte dazu, dass pro 100 Patienten/-innen 17 Konsultationen bei Grundversorgern wegfielen (-12%). Diese Reduktion wurde teilweise durch Konsultationen bei Spezialisten (+ 7 Konsultationen) und Spitalambulatorien (+ 2 Konsultationen) kompensiert, aber insgesamt nahm die Anzahl Konsultationen um 8 pro 100 Patienten/-innen ab. In Regionen mit geringer Ärztedichte gingen die Konsultationen in Hausarztpraxen prozentual deutlich stärker zurück als in Regionen mit hoher Ärztedichte, was darauf hindeutet, dass Personen in peripheren Gebieten stärkere Mühe bekunden, eine neue Hausarztpraxis zu finden. In Regionen mit hoher Verfügbarkeit weichen Patienten/-innen deutlich häufiger auf Spezialisten und Spitalambulatorien aus. Die Kosten pro Konsultation stiegen um 5 Prozent, während die Gesamtkosten wegen der reduzierten Anzahl Konsultationen unverändert blieben. Dies ist ein Indiz für eine zunehmende Ineffizienz: einerseits fallen Konsultationen weg, andererseits werden die weiterhin stattfindenden Konsultationen teurer.

Bedeutung / Anwendung

Bedeutung der Resultate für die Forschung

Diese Studie ist die erste weltweit, die sich mit dieser spezifischen Fragestel-lung befasst hat. Insofern dient sie als Basis für Folgestudien. Insbesondere die Frage nach längerfristigen Gesund-heitswirkungen ist noch ungeklärt.

Bedeutung der Resultate für die Praxis

Die Ergebnisse dienen politischen Ent-scheidungsträgern/-innen dazu, die Konsequenzen von Praxisschliessungen besser abzuschätzen und geeignete Gegenmassnahmen zu treffen. Ein Ziel sollte sein, die geographische Verteilung von Hausarztpraxen zu verbessern, wie dies auch in anderen Ländern angestrebt wird.

Originaltitel

Physician retirement, practice closures and discontinuity of care: how does it affect patients' healthcare utilization and health-related outcomes?

Projektverantwortliche

Hauptgesuchsteller:

  • Prof. Dr. Michael Gerfin, Departement Volkswirtschaftslehre, Universität Bern

Weiterer Gesuchsteller:

  • Dr. Wolfram Kägi, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung AG, Basel

 

 

Weitere Informationen zu diesem Inhalt

 Kontakt

Prof. Dr. Michael Gerfin Departement Volkswirtschaftslehre Universität Bern Schanzeneckstrasse 1 3012 Bern +41 31 631 40 92 michael.gerfin@vwi.unibe.ch

Zu diesem Thema